THEMA
FLUGMEDIZIN

Fliegerherz im Test (2)
 
abhören
Zuerst war das menschliche Versagen
Luftfahrtmedizin, unentbehrlich für die Sicherheit
Entwicklungs- Potential Psyche und Stressresistenz
Die medizinische Betreuung der Piloten in der Schweiz
Interview mit Dr. Hans Hafner, Chefarzt des Bundesamtes für Zivilluftfahrt
 
EKG Das Herz, der menschliche Motor: Ab 60 Jahren wird ein Belastungs EKG verlangt

Zuerst war das menschliche Versagen
Der erste tödliche Unfall mit einer Maschine, die schwerer als Luft ist, war auf menschliches Versagen zurückzuführen. Der Unfall-Pilot Otto Liliental war wissenschaftlicher Grundlagenforscher, Konstrukteur und Pilot in einer Person, also ein absolut ausgewiesener Experte der Luftfahrt, die er, notabene, sozusagen selber «erfunden» hatte. 1891 begann Liliental nämlich als erster Mensch mit Gleitflügen von einem Hügel in Berlin. Bis zu seinem Unfall- und Todestag am 10. August 1896 absolvierte er über 2000 erfolgreiche Starts und Gleitflüge. Dann unterlief dem ausgewiesenen Routinier ein Fehler. Nach Augenzeugenberichten pflegte Liliental jeweils in der Luft fast stillzustehen und mit den Zuschauern unter ihm eine Unterhaltung anzuknüpfen. Nun, am Unglückstag dürfte er aus Unaufmerksamkeit - oder Überschätzung der eigenen Möglichkeiten? - zu lange still gestanden und geschwatzt haben. Jedenfalls kippte der Gleiter aufgrund des Unterschreitens der Minimalgeschwindigkeit wegen Auftriebsverlust ab.

Nachdem Wilbur und Orville Wright am 17. Dezember 1903 in Kitty Hawk, North Carolina/USA, der erste Motorflug gelang, wurde das Forschen nach Unfallursachen sukzessive zu einem festen Thema der Luftfahrt. Allerdings beschränkte sich die Forschungsarbeit damals ausschliesslich auf die aerodynamischen, physikalischen und technischen Gebiete. Erst nach dem ersten Weltkrieg begann sich die Fachwelt mit dem Menschen, dem Piloten, als Unfallverursacher zu befassen. Gleichzeitig setzte auch so etwas wie eine Flugmedizin ein. Ab 1914 begann das Royal Flying Corps in Grossbritannien eine ganze Reihe von Flugunfällen zu untersuchen und analysieren, die sich während des Ersten Weltkriegs ereigneten und kam zu einem erschreckenden Ergebnis: 2% Verlust durch Feindeinflüsse, 8% wegen technischer Defekte und sage und schreibe 90% wegen menschlicher Einflüsse. Zu den menschlichen Ursachen zählten in den Jahren 1914-1918 Tollkühnheit, Sorglosigkeit, Fahrlässigkeit sowie körperliche und psychische Mängel der Piloten.
 
Blutentnahme Mit der Blutentnahme wird der Zuckerwert bestimmt

Luftfahrtmedizin, unentbehrlich für die Sicherheit
Aufgeschreckt durch die Tatsache, dass nur 2% der Verluste durch Feindeinwirkung zu beklagen, 90% aber sozusagen selbst verschuldet waren, begann sich eine wissenschaftliche und klinische Luftfahrtmedizin aufzubauen. Es ging darum, die physikalischen Einflüsse auf den Organismus des Piloten, die körperliche und geistige Unversehrtheit sowie die Besonderheiten menschlicher Leistungsfähigkeit im dreidimensionalen Raum medizinisch zu erfassen und die gewonnenen Erkenntnisse für die Selektion und die Betreuung von Piloten umzusetzen. Auch wenn heute nicht mehr gerade 90% der Flugunfälle auf menschliches Fehlverhalten zurückzuführen sind, so ist der Mensch doch immer noch der grösste Risikofaktor im Regelkreis Mensch-Maschine. Dies gilt in ganz besonderem Masse für die Luftfahrt. Aber die Variable «Mensch» ist beeinflussbar, und das ist das Positive daran. Im Gegensatz zur Automatisierung ist der Mensch flexibel und - in der Regel - intelligent. Deshalb verzeich-net die heutige klinische Flugmedizin denn auch grosse Erfolge. Sie kann beispielsweise mithelfen, das Verhalten von Piloten in Bezug auf Geist, Psyche und Körper zu beeinflussen und somit Leistungsverbesserungen zu erreichen. Die Flugmedizin ist aber auch in der Lage, frühzeitig zu erkennen, ob sich jemand für das Führen eines Flugzeugs eignet oder nicht.
 
 

 
     
© 1999, Medavia AG, CH-5242 Lupfig. Alle Rechte vorbehalten
Webdesign by Infofactory